AUFGABENSTELLUNG:
Bachelor Kommunikation, Deutsch 2 Textrezeption und Texproduktion
Kolumne zum Thema „Wort des Jahres 2023“
Kontext: Sie machen ein Praktikum bei der „Annabelle“ oder der „GQ“. Im Magazin (online) gibt es einen Glossen-Platz. Da man auf der Redaktion weiss, dass Sie an der ZHAW am Sprachdepartement studieren, bekommen Sie den Auftrag, eine Kolumne über die Wahl des Schweizer „Wort des Jahres“ zu schreiben.
Komplett in der Musik versunken, schaue ich auf die verregnete Fensterscheibe des Zuges und verfolge mit meinem Blick die dahinhuschenden Regentropfen. Noise-Cancelling ist aktiviert: Adele singt sich gerade die Seele aus dem Leib. Die Strophe «But when I call, you never seem to be home» aus dem Lied Hello schallt in meinen Ohren.
Plötzlich ertönt eine monotone Roboterstimme, die der altbekannten „Siri“ gehört. «Sie haben eine neue Nachricht erhalten: Hoooi Maus. Ich han grad i de Zitig en Artikel zu femdiscs gseh. Isch glaub no e gueti Sach. Söll ich dir de uf d Site lege für wenn s nächste Mal verbichunnsch? (Marienkäfer, rotes Herz, Sonne)».
Entgeistert starre ich aus dem Fenster. Ich sitze in einem ruckelnden Zug Richtung Winterthur und es regnet in Strömen. Warum schickt mir meine Grossmutter jetzt ein Sonnen-Emoji? Genervt schalte ich mein Handy ein und gehe zu den Audio-Einstellungen. Ich besitze die Kopfhörer bereits seit drei Jahren und jedes Mal nehme ich mir fest vor, diese Vorlese-Funktion endlich auszuschalten. Jetzt ist das Fass übergelaufen. Ich versuche, mich wieder der Musik zu widmen, doch es gelingt mir nicht. Um 7 Uhr morgens will ich nicht meiner Grossmutter zurückschreiben und ihr erklären, dass ich bereits seit Jahren eine femdisc benutze. Ein Schmunzeln zuckt mir über die Lippen. Ich ghoste jetzt meine Grossmutter. Dieses Wort hat sie bestimmt noch nie gehört, geschweige denn, weiss sie, was es bedeutet.
Mit einer überraschenden Neugierde gebe ich das Wort ins Google-Suchfeld ein. Nach einigen Klicks stelle ich zu meinem Erstaunen fest, dass «Ghosting» im vergangenen Jahr auf dem dritten Platz des Wortes des Jahres in der Deutschschweiz landete. Aufmerksam lese ich die Beschreibung des Wortes durch und mein Lächeln verblasst langsam. Entschlossen öffne ich die Nachricht meiner Grossmutter, denn mir wird bewusst, dass ich sie nicht ignorieren oder ausblenden will. Sie soll gar nicht erst wissen, dass es dieses Wort gibt, obwohl es leider den heutigen Diskurs so stark prägt. «Danke Grossmami, ich luege mir de Artikel gern ah! (Sonne)».
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